Europa und der Mythos des Abendlands

Georges Corm, L’Europe et le mythe de l’Occident. La construction d’une histoire. La Découverte, Paris, 2009.

(Bemerkung: Bisher liegt das Buch noch nicht in deutscher Übersetzung vor. Es führt Ideen von Corms Missverständnis Orient. Die islamische Kultur und Europa weiter (Rotpunkt, 2004).

Kann Europa mit dem „Okzident“ verwechselt werden? Der libanesische Historiker und Wirtschaftswissenschaftler Georges Corm fordert uns in seinem spannenden 2009 erschienen und immer noch aktuellen Essay auf, über diese wichtige Frage nachzudenken. 

Georges Corm, L'Europe et le mythe de l'Occident

Die französische Auflage 

 

Cormmissverstandnis

Eine Rezension von Christian Ruby, veröffentlicht auf: Nonfictions.fr

Der Terminus „Okzident“, bzw. „Abendland“ oder „der Ort wo die Sonne untergeht“, ist zunächst ein geographischer bzw. astrologischer Begriff aus der Welt der Römer. Der Ort des Sonnenuntergangs konnte sich jedoch gemäß des Standpunkts des jeweiligen Sprechers verschieben. Mit der Zeit ist dieser Begriff jedoch zum Symbol einer unüberwindbaren Barriere geworden, eines Kreuzungspunkts besonderer Gefühle, ein Slogan für humanistische Hoffnungen. Und Europa ist der Ort, an dem sich diese Alchemie entwickelt hat. Wie und weshalb ist dies geschehen? Das vorliegende Buch versucht Antworten auf diese Fragen zu finden.

Das auf ein konkretes Konstrukt zurückgehende Konzept des Okzident hat so sehr an Bedeutung gewonnen, dass es nun als eine mythische, allumfassende und globalisierende Idee gesehen werden kann. Auch hier fragen wir uns, was den Anlass für diese Entwicklung gegeben hat. Und weshalb können wir ihm die Schaffung eines geistigen Universums zuschreiben, welche die Türen extremer Gewalt geöffnet hat, die sich die europäischen Völker im zwanzigsten Jahrhundert zwei Mal gegenseitig zugefügt haben? Wie können wir das Konzept mit den philosophischen Systemen in Bezug setzen, die lange Zeit nicht nur die Sprache, Programme und Ziele politischer Parteien beeinflusst haben, sondern auch ihr gesamtes kulturelles Schaffen?      

Zunächst betont der Autor, dass er ursprünglich vor hatte, eine Erstehungsgeschichte des Konzepts „Okzident“ zu schreiben und auf ihre philosophische, soziologische und historische Bedeutung einzugehen. Anfänglich glaubte er erläutern zu müssen, wie eine einfache geographische Bezeichnung zu einem mehrdeutigen, umstrittenen Begriff werden konnte. Gleichzeitig hielt Corm es jedoch ebenfalls für notwendig zu illustrieren, wie es in den letzten zwei Jahrhunderten zu einer Festigung des Konzeptes gekommen sei. Darüberhinaus müsste erklärt werden, wie sich ein nahezu manischer, den historischen und geographischen Streifzügen der Phantasie entsprungener Gebrauch des Terminus Okzident entwickeln konnte. Dieses Projekt gab der Autor jedoch zu Gunsten eines anderen auf, nämlich der Erforschung der immer vielfältiger werdenden Verwendungen des Begriffs.

Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Terminus Okzident zum Angelpunkt verschiedener mentaler Universen, unterschiedlicher Standpunkte und Sichtweisen, die Europa bewegten. Das Konzept des Okzidents verbreitete sich von dem Moment an, in dem sich die Gegensätze von historischen und politischen Weltauffassungen verschärften.

Bevor wir mit der Analyse der Entstehung der abendländischen Mythologie in Form einer allumfassenden identitätsbildenden Doktrin beginnen, ist zu erwähnen, dass Corm die Konzepte des Orients und des Okzidents schon in anderen Büchern beleuchtet hat. In diesen Abhandlungen sieht er Orient und Okzident als „Mega-Identitäten“, das heißt als Gebilde, die Marc Crépon zutreffend als „Geographien des Geistes“ bezeichnet. In seinem neuen Werk, knüpft er an seine vorherigen Ideen an und entwickelt sie weiter. Corm untersucht zunächst die mythische Dimension der Bezeichnung Okzident. Dabei analysiert er sowohl ihr Zustandekommen als auch ihre Funktion, die sie in Domänen wie Politik, Literatur, Musik und Geschichte ausübt. 

 

Eine abendländische Identität    

Der Gebrauch des Terminus Okzident kommt einer Stilisierung und Idealisierung der Geschichte des europäischen Kontinents gleich, die häufig mit einem abschätzigen Blick auf den Orient verbunden ist. Corm führt in seinem Buch die bekanntesten abendländischen Auffassungen des Okzidents an, wobei er Philosophen von Friedrich Nietzsche bis François Jullien zitiert. Der Begriff zielt darauf ab, die Vielfalt Europas in Einklang zu bringen, interne Konflikte auszuräumen und einen Gegensatz zum Rest der Welt zu konstruieren. Dieses Konzept schickt sich an, eine transzendente Einheit zu bezeichnen, die in Form eines europäischen Geistes oder einer europäischen Zivilisation ihren Ausdruck finden soll. Dabei wird sie als spezifisch und einzigartig betrachtet und erhält einen zentralen Platz in der Weltgeschichte.

Dieser sich auf ein vereintes und homogenes Europa stützender Gebrauch des Begriffs kann jedoch nicht gänzlich die Vielfalt der Kontakte verdecken, die mit anderen  Völkern der Welt gepflegt werden. Es ist daher unmöglich, den Einfluss zu ignorieren, welche unzählige außereuropäische Völker mit ihren Sitten, Wissenschaften, Technologien und Zivilisationen auf Europa ausgeübt haben. Sei es im Zeitalter der alten Griechen, im Mittelalter oder in der Renaissance, Verbindungen zu anderen Völkern haben stets existiert. Das Bild eines lediglich auf sich selbst bezogenen Europas ist aus diesem Grunde unhaltbar.   

Der Mythos zielt jedoch nicht darauf ab, diese von den Philosophen formulierte „Wahrheit“ zu verbreiten, sondern die europäische Diversität zu unterstreichen. Natürlich spielt sich unter den angesprochenen Themen schnell die Frage des Islams in den Vordergrund. In diesem Zusammenhang diskutiert Corm den Status der dem Islam zugeschrieben werden soll. Obwohl Autoren wie Samuel P. Huntington und Bernard Lewis in ihren Werken den Islam heftig angreifen und ihn zu einem zivilisatorischen Misserfolg deklarieren, nimmt die Islam-Thematik im vorliegenden Buch erneut eine zentrale Stellung ein.

In Corms Buch finden auch weitere Themen auf die wir später genauer eingehen Erwähnung. Der Autor stellt unter anderem die folgende Frage: „Ist es möglich, sich ein starkes Erneuerungspotential für ein Wiederaufleben der europäischen Kultur und des europäischen Gedankenguts vorzustellen, auch wenn die abendländischen Diskurse verworfen werden?“ Der Schriftsteller des Buches, sowie der Autor des vorliegenden Artikels tendieren dazu, diese Frage zu bejahen.

Niemand wird jedoch bestreiten, dass wenn wir begreifen wollen was in der Welt geschieht, wir Europa verstehen müssen, und zwar als Ort welcher von verschiedenen politischen Systemen, einem Streben nach einer universellen Denkweise, sowie einer die Welt erobernden Dynamik geprägt ist. Seit mehreren Jahrhunderten schreibt die europäische Geschichte auch die Geschichte anderer Kontinente. Corm argumentiert, dass sich nichts in der Welt den Einfluss Europas entziehen könne. Dies geschehe insbesondere durch die verschiedenen Arten auf die Europäer die Weltgeschichte interpretieren und sich selbst darstellen. Nach Corm versuchen sie so ihre Genialität sowie ihre Erfolge und Niederlagen zu deuten, denen sie ihre außergewöhnliche Stellung in der Weltgeschichte zuschreiben. Dennoch darf nicht die dunkle Seite Europas vergessen werden, die Seite, welche durch Genozide, Versklavung, Ausbeutung, Kolonialisierung und Aufwallungen von Nationalismus gezeichnet ist. Laut Corm lässt sich ein bedeutender Parallelismus zwischen der Gewalt, welche die Europäer sich gegenseitig angetan haben erkennen und den Verbrechen, die sie andern Völkern zu gefügt haben. In diesem Zusammenhang unterstreicht der Autor die Schwierigkeit, die begangenen Grausamkeiten mit dem Bild von Europa, oder vom Okzident, als Quelle einer universellen Vernunft sowie eines allumfassenden Humanismus in Einklang zu bringen.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Max Weber werden vom Autor besonders unter die Lupe genommen. Corm argumentiert wie folgt: „Sehr wahrscheinlich sind es die deutschen Philosophen und Soziologen, angeführt von Hegel und Weber – der letztere später abgelöst vom französischen Anthropologen Louis Dumont –, die am meisten dazu beigetragen haben, das Bewusstsein eines gemeinsamen abendländischen Schicksals zu formen. Neben den genannten Autoren, geht Corm überzeugend auf die deutsche Mystik und Romantik ein. Um die Gefahr einer einseitig anmutenden Argumentation zu entgehen, hätte Corm jedoch gut daran getan, seine Thesen behutsamer zu formulieren, vor allem diejenigen, die sich auf die zentralen Wiedersprüche der Aufklärungsphilosophie beziehen, da die Philosophen in ihren Texten sich auf die Konstruktion einer Supra-Identität beziehen. Man könnte behaupten, dass der Begriff Okzident eine historisch-philosophische Perspektive eines institutionalisierten territorialen und historischen Kontinuums bezeichnet, welcher einer transzendenten Identität gleichkommt, die jegliche Unterschiede zwischen den europäischen Völkern überschreitet. Dies geschieht trotz Auseinandersetzungen und Kriegen, die aus nationalistischen, religiösen oder ideologischen Gründen geführt werden. Nach Corm wird das Abendland so zu einer mythologischen Einheit, zu einem imaginären Gebilde, das gleichzeitig aber auch eine gefürchtete mentale Barriere darstellt, welche einem Instrument zur Kreation einer sichtbaren Andersartigkeit gleichkommt. Diese Grenzen zwischen den Völkern, Nationen, Kulturen und Zivilisationen mögen zuweilen radikal und unüberwindbar erscheinen.

In der Zwischenzeit hat sich das Konzept des Okzidents seit langem gefestigt und etabliert, so dass jegliche Kritik, jeglicher Angriff auf das imaginäre mythische Konstrukt auf feindliche Reaktionen stößt. Dies beweisen Diskussion über die Wurzeln des Okzidents und Europas die mit einem willkürlichen Sammelsurium von historischen Fakten enden, mit dem Ziel, jeden zufrieden zu stellen. Die griechische Rationalität wird beispielsweise mit dem römischen Recht, dem Monotheismus der germanischen Stämme sowie dem Zeitalter der Aufklärung in Verbindung gebracht. Auf diese Weise versucht man für eine einzigartige und gleichzeitig spezifische europäische Genetik zu plädieren, die trotzt der praktischen Unvereinbarkeit der verschiedenen Quellen bis auf den Anfang der Zeit zurückgeht.  

Unter genauer Betrachtet der Quelltexte zeigt uns der Autor, dass die Erfindung des „Genie des Okzidents“ nicht anderen Kulturen entlehnt ist. Zu den zitierten Philosophen zählen Philippe Nemo, Sylvain Gougenheim und Jacques Ellul. Alle versuchen sie zu beweisen, dass der Okzident einzig und allein von innenheraus entstanden ist. Demnach besitzt er eine nahezu existentialistische Natur, die weder von der afrikanischen, noch der muslimischen Welt beeinflusst ist. Bei der Schaffung des Konzepts spielte Ernest Renan laut Corm eine zentrale Rolle. Der Terminus startete eine rasende Karriere und wurde zu einem magischen Wort, einem regelrechten Totem, um das sich die europäischen Stämme scharten. Der Begriff entwickelte sich zum Mittelpunkt einer binären Welt, die aus Bösem und Guten, sowie Gläubigen und Ketzern, zivilisierten Menschen und dem Barbaren bestand. Diese Auffassung findet in Texten und Seminaren von François Guizot ihren Ausdruck, in denen er seinen epischen Diskurs über die europäische Geschichte entwickelt und Europa zu DER Zivilisation schlechthin deklariert. 

 

Eine orientalische Andersartigkeit 

Da sich der Orient in Opposition zum Okzident definiert, wird das Morgenland zu einem unumgänglichen Thema im mythischen Diskurs des Abendlands. Ohne Orient existiert natürlich kein Okzident. Und ohne Orient gibt es auch keine Spannungspunkte, keine Ängste, keine Militäreinsätze oder Verteidigungen der Freiheit. Corm argumentiert: „Die Realität und die Beschaffenheit des Orients spielt keine Rolle. Die Hauptsache ist, ihn in der Phantasie zu erschaffen.“ Auch verändert sich der Orient gemäß der Probleme mit denen er konfrontiert wird: nachdem er slavisch und asiatisch gewesen ist, wurde er muslimisch. Die Bilder vom Orient die sich in der abendländischen Vorstellung herauskristallisieren gleichen einer Reihe von Stereotypen, aus denen man einen Comic machen könnte. Zu vorhandenen Klischees zählen: unterjochte Frauen, ein Verlangen nach Blutvergießen und Terrorismus, ein Fehlen individueller Werte, Fanatismus, abschreckende Bärte, Opfer und blutrünstige Diktatoren, sowie der Hass auf die Menschen des Abendlandes. Zu den zahlreichen Autoren, die das abwertende Bild des Orients in der europäischen Literatur aufzeigen und verurteilen zählt neben Edward Said, Lucette Valensi und Jack Goody, Georges Corm selbst.

Es wäre unfair zu verschweigen, dass neben der äußeren Ablehnung des Orient-Diskurs ebenfalls eine abendländische Kritik am Okzident-Diskurs existiert. Corm analysiert die verschiedenen Facetten des Diskurs, den er einerseits als kritisch, andererseits aber auch als abwertend und ignorant sieht.

Die stärkste Kritik am Mythos des Okzidents entspringt jedoch nicht dem Okzident-Diskurs selbst, sondern der abendländischen Lebensweise. Diese Kritik bringt jegliche kritische Stimmen zum Schweigen. Als deutlich wurde, dass Barbarei nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb Europas stattfand, konnte der abendländische Narzissmus nicht mehr akzeptiert werden. Diesen Aspekt vertieft Corm in einem Abschnitt seines Buches, welcher der europäischen Musik gewidmet ist. Es werden dabei die folgenden zwei Frage aufgeworfen: „Ist der Okzident der Vorreiter der Menschheit, die über eine Zivilisation verfügt, die im Zentrum des menschlichen Abenteuers steht?“ Ist dies der Fall, dann wäre die plötzlich nach Jahrhunderten des Fortschritts und der Geistesbildung aufkommende Barbarei lediglich als ein unerklärliches, mysteriöses Phänomen zu erklären, welches genau der Vernunft widerspricht, die der Okzident vorgibt zu verkörpern. „Oder ist die Barbarei vielmehr in der europäischen Geschichte selbst verwurzelt?“ Dies würde demnach bedeuten, dass der Okzident nicht weniger „wild“ als die Kulturen ist, auf die er abschätzig herabblickt.

Bei der Beleuchtung des von Corm diskutierten Begriffs werden wir mit der Frage konfrontiert, ob der erwähnte Mythos durch eine Bedeutungsverschiebung des Terminus zustande kommt. Wurde womöglich der Terminus Okzident dem Begriff Europa gleichgesetzt? Corm bemerkt, dass Europa auch heute noch von einer ähnlichen Art von Werbung profitiert, die nicht nur auf massiven Generalisierungen, beruht, sondern ebenfalls auf dem Mythos der Einheit und der Suche nach Wurzeln. Das Aufkommen eines Diskurs zur europäischen Seele oder zum undurchdringbaren Schatz der europäischen Geschichte ist für solche Überlegungen charakteristisch. „Der Beruf des Ideologen hat immer noch Zukunft!“ lautet Corms den Gedanken des Historiker Jean-Baptiste Duroselle folgt (L’idée d’Europe dans l’histoire, Paris, Denoël, 1965) weiterführende Schlussfolgerung.

Letztendlich hätte Corm versuchen können, den Mythos der Realität gegenüberzustellen. Ob dieses Vorgehen Früchte getragen hätte ist schwer zu beantworten. Der Autor macht eine Vielzahl von Aussagen, die er zuweilen mit ungeschickt zitierten Textstellen der Originale belegt. Corms Buch ist dennoch von Bedeutung. Seine Dekonstruktion des Okzident-Mythos endet nicht auf der letzten Seite seines Werkes, sie öffnet vielmehr Tür und Tor für weitere Diskussionsthemen, wie zum Beispiel die von der Wissenschaft ausgehende europäische Selbstherrlichkeit, die europäische Reisebegeisterung und die intellektuelle Neugierde anderen gegenüber, sowie für die Betrachtung des in Europa verankertem Kapitalismus. 

Café Europa dankt Stephanie Schwerter herzlich für diese Übersetzung!

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