Saudade

Das häufig in portugiesischen Fado-Texten zu findende Wort saudade kann als Botschafter der portugiesischen Seele par excellence betrachtet werden. Der Tourist oder der flüchtige Leser könnte der Versuchung erlegen sein, den Terminus mit „Nostalgie“ zu übersetzen. Dies würde jedoch bedeuten, die vielfältigen Nuancen eines Begriffs außer Acht zu lassen, der zu den Konzepten zählt, die am schwersten zu übersetzen sind. Er bringt uns sowohl die Geschichte, als auch die Empfindsamkeit des portugiesischen Volkes näher. Versuchen wir, seine Bedeutung zu erfassen... 

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Nocturno in Lissabon

 

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José Ferraz de Almeida Júnior
Saudade (1899)

Eine verschlungene Etymologie 

Ebenso wie seine Herkunftssprache entspringt auch das portugiesische Wort saudade dem Lateinischen. Es leitet sich vom Plural des lateinischen Wortes solitates („Einsamkeiten“) ab. In seiner anfänglichen Form wurde saudade zunächst „soidade“ geschrieben, wodurch der Begriff einstweilig seinen lateinischen Wurzeln nahe bleibt. Im dreizehnten Jahrhundert ist er häufig in den Freundschaftsliedern portugiesischer Minnesänger zu finden, wo man ihn verwendet, um das Klagen der Frauen auszudrücken, die um ihren Geliebten trauern, welcher sich entweder im Krieg oder auf hoher See befindet (wie wir wissen sind die Portugiesen ein Volk der Seefahrer). Der Übergang von soidade in das wohlklingendere Wort saudade lässt sich möglicher Weise mit dem volkstümlichen Einfluss des Verbs saudar („begrüßen“) erklären,  sowie mit den Wörter salvo („heil“/ „gerettet“) und saúde („Gesundheit“), die sich von den lateinischen Begriffen salvus und salutate ableiten. Von der aktuellen Bedeutung des Wortes zeugt der auch heute noch übliche Brauch, Grüße in Form von saudades zu versenden. Ein aus dem sechzehnten Jahrhundert stammender Brief, der willkürlich dem Dichter Camões zugeschrieben wird, thematisiert diese Doppeldeutigkeit:

Por usar costume antigo
saúde mandar quisera
E mandara se tivera
Mas... amor dela é inimigo
Pois me deu em lugar dela
Saudade em que ando,
Saudade cem mil mando...
E não ficando sem ela.
   Nach alter Gewohnheit
Wollte ich meinen Gruß versenden
Ich hätte ihn gesendet, wenn ich ihn gehabt hätte
Aber... die Liebe ist sein Feind
Denn statt seiner gab sie mir
Saudade, die ich erleide,
Saudade, die ich dir sende...
Und einen großen Teil von ihr behalte.

 

Eine komplexe und paradoxe Sinnesempfindung     

Die etymologische Mehrdeutigkeit des Begriffs hat unweigerlich Auswirkungen auf dessen Bedeutung. In diesem Zusammenhang könnte man argumentierten, dass saudade von einer Spannung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, sowie Präsenz und Abwesenheit lebt. Eine aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert stammende Abhandlung zur portugiesischen Sprache bietet die folgende Kurzdefinition: „Die Erinnerung an eine Sache, die von einem gleichzeitigen Sehnen nach ihr beherrscht wird“ (Origem da lingua portuguesa, Lissabon 1606). Mit dieser knappen Erklärung laufen wir jedoch Gefahr, das Wichtigste zu übersehen. „Geprägt von einer strukturellen Zweideutigkeit stellt das Gefühl der saudade die Vereinigung von zwei Empfindungen dar, welche Abwesenheit evozieren: Die Erinnerung an eine teure entschwundene Vergangenheit, sowie das Sehnen nach einem entfernten Glück. Lebensfreude und Angst sind gegensätzliche Sinnesempfindungen aus denen ein Zustand der Melancholie entsteht, der versucht die Endlichkeit des Moments zu überwinden und die Abwege der Entfernung zu meistern“ (F. Santoro). Je nach der Art der begehrten bzw. vermissten Sache – die Geliebte, die Heimat, die Vergangenheit oder eine bestimmte Idee – entfaltet die saudade ihre unzähligen existenziellen Bedeutungsnuancen. 

Ihre schönste Definition hat sie sehr wahrscheinlich D. Francisco Manoel de Melo zu verdanken, der sie in seinen Epanàforas (Lissabon 1660) als „ein Übel das wir lieben und ein Wohl das uns leiden lässt“ bezeichnet. Auf diese Weise ist es möglich, in der Anwesenheit des geliebten oder wiedergefundenen Wesens buchstäblich an saudade zu sterben, als ob sich „der gesamte Schmerz in einer kathartischen Ektase in einen Moment des Heils auflösen würde“ (F. Santoro). Die saudade erscheint so als Verwandte der Sehnsucht und deren unausweichlicher Unendlichkeit, so dass die berühmte Fado-Sängerin Amália Rodrigues sie in ihren Liedern als „bitter-süße Dorne“ besingt.

 

Sebastia o de portugal c 1571 1574 cristo va o de morais

König Sebastian von Portugal

(Cristóvão de Morais)

Der Sebastianisums als kollektive saudade 

Wenn man jedoch der Vorstellungskraft der portugiesischen Seele auf den Grund geht, stößt man auf noch viel mehr. Seit Ende des Mittelalters geistert eine auf historischen Tatsachen beruhende Legende im kollektiven Unterbewusstsein der Portugiesen. Angeführt von Sebastian I unterlagen die Portugiesen am vierten August 1578 in Alcazar-Quivir dem marokkanischen Sultan Abu Marwan Abd al-Malik. Der 24-jährige König verlor in dieser Schlacht sein Leben. Die Kriegsgefangenschaft eines großen Teils der regierenden Elite sowie der königliche Tod stellten einen beträchtlichen Schicksalsschlag für das Land dar. Aus dieser Lage heraus ergab sich, dass Portugal den Status einer unabhängigen Nation nicht mehr aufrechterhalten konnte. Mangels Nachfolgers wurde das portugiesische Königreich zwei Jahre später vom spanischen König Philip II an den kastilischen Hof annektiert. Der spanische König wurde so zu Philip I von Portugal. Dieser Zustand hielt 60 Jahre an, bis 1640 die Schwächung der spanischen Krone es Portugal erlaubte, seine Unabhängigkeit zurückzuerlangen. 

Die Verzweiflung der Portugiesen rief ein kurioses Phänomen hervor. Trotz der wiederholten Beisetzung Sebastian I – in Ksar-el-Kebir am Tag nach der Schlacht, in der Dreifaltigkeitskirche in Ceuta im Dezember 1578, sowie im Hieronymus Kloster in Belem im November 1582 – schlich sich der Glaube ein, dass der König nicht auf dem Schlachtfeld getötet worden sei, sondern zurückkommen würde, um Portugal in seiner alten Größe wiederherzustellen. In diesem Kontext beobachten wir die Erstehung eines starken und andauernden Messianismus, welcher die Erinnerung an den besiegten König zum zentralen Mythos der nationalen Identität werden lässt. Dieses Phänomen erhält in der Folge den Namen Sebastianismus (sebastianismo). Nach und nach verwandelt sich der verschwundene König zum Encoberto (dem „verhüllten“ oder „versteckten König“), der durch seine Geschichte anhaltend die nationale Phantasie nährt. 

Erinnern wir uns daran, dass etymologisch gesehen saudade mit dem Begriff saúde („Gesundheit“) verwandt ist, und ebenfalls „Heil“ oder „Erlösung“ im religiösen Sinne bedeuten kann. Das für die saudade charakteristische Gefühl des Wartens vereint sich so mit dem messianischen Strebens des Sebastianismus. Es drückt das Streben nach einer besseren Zukunft aus, welche vom Einläuten eines „Universalimperiums“ unter der Herrschaft des König Sebastians gezeichnet ist. Dieses Streben hielt lange an, so dass 1943 der bedeutende Dichter Fernando Pessoa seinem ersten portugiesischen Gedichtband den Titel Mensagem (Botschaft) verlieh. In dieser Sammlung entsteht aus 45 mythischen Gedichten eine Art Heldenepos, das sich am sebastianischen Messianismus inspiriert und eine neue Menschheit prophezeit, die aus einem zukünftigen „Fünften Kaiserreichs des Weltfriedens“ entspringen würde.

 

Die saudade im Herzen der existentialistischen Philosophie Portugals

Nachdem sich die saudade in Brauchtum, Literatur und Nationalerbe etabliert hat, erreicht sie im 20. Jahrhundert die hohe Kunst der Philosophie. Durch die Entstehung eines existentialistischen Gedankenguts in Portugal wird sie als Teil des Menschseins angesehen und erhält so eine universelle Dimension. Sie zeugt von einem gewissen Bewusstsein von Zeit und Endlichkeit. Die in der saudade enthaltene Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Anwesenheit und Präsenz, wird vom Philosophen Silvio Lima neu betrachtet. Lima versucht aus ihr eine Art von Lebensgefühl abzuleiten:

„Eine von saudade erfüllte Person leidet im Hier und Jetzt an der Abwesenheit einer Sache aus der Vergangenheit. Das Individuum leidet, weil es gleichzeitig auf das Wiederkehren der Vergangenheit hofft und danach strebt, sich erneut an dem „verlorene Paradies“ zu beglücken. Anstatt jedoch die Ursachen der saudade aus dem Weg zu räumen bevorzugt es, sich dem Gefühl der saudade hinzugeben. Ohne die ständige Flamme des Verlangens könnte die saudade nicht bestehen, da die Gegenwart sich an der Geschichte nährt und gleichzeitig nach einer zukünftigen Form der der Vergangenheit strebt“

(„Reflexões sobre a consciência saudosa“, Revista Filosofica, nr. 44 1955)

Diese Art von Analyse mag bei manch einem Leser auf taube Ohren stoßen. Dennoch ist es nahezu unmöglich, sich der Magie des Wortes saudade zu entziehen. Der Schriftsteller Teixera de Pascoaes beschreibt diese Magie wie folgt: „Die portugiesische Seele lebt und existiert in einem Wort, wie das Spiegelbild der riesigen Sonne in einem Tautropfen.“

 

Um unseren Abstecher in das Land der saudade würdig zu beenden, hören wir nun einen wunderschönen von Aldina Durante interpretierten Fado. (Klicken sie auf das Bild oder den folgenden Link).

 

 

Não vou, não vou (Chaves da vida) / Ich bewege mich nicht (Schlüssel des Lebens)

Worten von Júlio de Sousa – Musik von Moniz Pereira

Eu tinha as chaves da vida e não abri

As portas onde morava a felicidade

Eu tinha as chaves da vida e não vivi

A minha vida foi toda uma saudade

 

E tanta ilusão que tinha e foi perdida

Tanta esperança no amor foi destroçada  

Não sei porque me queixo desta vida  

Se não quero outra vida para nada

 

Se foi p'ra isto que nasci 

Se foi p'ra isto que hoje sou            

Se foi só isto que mereci        

Não vou, não vou                      

Podem passar bocas sorrindo          

Olhos em fogo, tudo acabou              

Pode passar o amor mais lindo            

Não vou, não vou

 

Eu tinha as chaves da vida e fui roubada

Mataram dentro de mim toda a poesia  

Deixaram só tristeza e mais nada    

E a fonte dos meus olhos que eu não queria    

Ich besaß die Schlüssel zum Leben und ich habe 

Die Pforten des Glücks nicht geöffnet

Ich besaß die Schlüssel zum Leben und ich habe nicht gelebt

Mein ganzes Leben war eine saudade

 

So viele verlorene Illusionen,

So viel Glaube an die Liebe der zerstört wurde

Aber ich weiß nicht warum ich mich über dieses Leben beklage

Für Nichts in der Welt will ich ein anderes 

 

Wenn ich dafür geboren wurde

Existiere ich seinetwegen 

Auch wenn es nur das ist, was ich verdient habe

Ich bewege mich nicht, ich bewege mich nicht

Lachende Gesichter können an mir vorbei ziehen und 

Flammende Augen, alles ist vorbei

Die schönste Liebe kann an mir vorbei ziehen

Ich bewege mich nicht, ich bewege mich nicht

 

Ich besaß die Schlüssel zum Leben und man hat sie mir gestohlen

Die Poesie in mir ist erloschen

Man hat mir nur Traurigkeit hinterlassen und nichts anderes

Und die Quelle meiner Augen, die ich nicht haben wollte.

Quellen: 

Wikipedia, in verschiedenen Sprachen.
Portaldofado.net
Fernando Santoro, Artikel « Saudade » in B. Cassin (Hrsg.), Vocabulaire européen des philosophies, Le Seuil, Paris, 2004.

Außer im Falle von besonderen Anmerkungen sind die Illustrationen Wikimedia entnommen.

 

Cafe Europa dankt Stephanie Schwerter herzlich für ihre Übersetzung!

 

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