Die Wissenschaft vom bösen Blick

Die in Süditalien und einigen Mittelmeerländern wie der Türkei und Griechenland verbreitete Furcht vor dem jettatore („Behexer“) ist zumeist mit der Macht des Blicks verbunden. Was können wir von Ethnologen über den Volksglauben des böse Blicks lernen?

Courbetjeune 1

Gustave Courbet

Selbstporträt (1843-1849)

Um diese Frage zu beantworten, folgt eine Zusammenfassung des Aufsatzes des Ethnologen Max Caisson, der in der französischen Zeitschrift Terrain erschienen ist.

 

Der Geist der Einbildungskraft

Seit Descartes ist die wissenschaftliche Ideologie durch den Gegensatz von Materie und Geist sowie physischen und psychischen Phänomenen geprägt. Jedoch bis ins siebzehnte Jahrhundert, und im Falle der nicht kartesischen Denksysteme sogar noch später, war dieser Dualismus bei Weitem nicht universal akzeptiert. Sämtliche Wissenschaftler und Philosophen von der Antike bis zur Renaissance – letztere eine Zeit in der sich die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Philosophie noch nicht etabliert hatte –  waren von einer Verbindung zwischen Mensch und Welt, Individuum und Kosmos überzeugt. Dieser Auffassung nach haben die Fähigkeiten des Geistes, und insbesondere die Phantasie, eine physische Realität und verüben daher eine gewisse Macht auf die Welt.

Leonardo da Vinci verteidigte die Existenz des bösen Blicks. Er war davon überzeugt, dass der Blick von außen einen Einfluss auf Wesen und Sachen besäße. In diesem Zusammenhang führt er eine Zahl von Beispielen an: den Wolf von dem man behauptet, dass sein Blick denjenigen verstummen lässt, der von ihm getroffen wird; den Basilisk, der mit einem einzigen Blick zu töten vermag; die Jungfrauen, deren Augen die Liebe der Männer anziehen, und letztendlich die Spinnen und Sträuße, von denen gesagt wird, dass sie allein mit ihrem Blick Eier ausbrüten können. Zu da Vincis Zeiten glaubte man noch ernsthaft, dass der durch Blicke oder Gedanken freigesetzte Geist („pneuma “ oder „spiritus“) einen physischen Einfluss auf Wesen und Dinge ausübe. Der als Vorläufer der modernen Wissenschaft angesehene Thomas von Cantimpré erklärt das Verstummen einer vom Wolf fixierten Person durch die austrocknende Wirkung, welche die pneuma auf deren Kehle ausübt, oder anders gesagt, durch den spiritus, der durch den Blick des Wolfes freigesetzt wird.

 

Aus der Distanz tastende Augen

Die zentrale Fragen, die von der Antike bis zum siebzehnten Jahrhundert die Wissenschaft vom bösen Blick beherrschte ist laut Caisson die folgende: „Wie sehen wir? Sehen wir auf Grund von Immission, sprich der Übertragung externer Bilder auf das Auge? Oder sehen wir, weil unser Auge durch Emission in der Ferne Objekte abtastet?“ Die prädominierende Emissionstheorie überschattet die von Empedokles und von Archytas von Tarent vertretene Auffassung, dass das Sehen aus einem unsichtbaren Feuer zustande komme, welches aus den Augen tritt und Objekte befühlt, um so Formen und Farben wahrzunehmen. Der Sehsinn wird auf diese Weise unweigerlich mit dem Tastsinn verbunden.

Im Lichte der Emissionstheorie wird die folgende aus dem Matthäus Evangelium entnommene dogmatische Aussage verständlicher: „Ich sage euch, dass jeder, der mit begehrendem Blick eine Frau betrachtet, in seiner Seele mit ihr schon Ehebruch begehet.“ (5:28). Die Tatsache, dass der Blick sich auf eine gewisse Weise in eine Art von Besitzergreifen verwandeln kann bringt uns der Theorie des bösen Blicks näher. Max Caisson zitiert eine weitere Anspielung auf den bösen Blick („ophtalmos poneros“) aus dem Markus-Evangelium: „[...] Ehebruch, Habgier, Bosheit, List, zügelloses Leben und Lust [...]  Alle diese schlechten Dinge kommen aus dem Inneren und besudeln den Menschen“ (7: 22-23). Lukas und Matthäus sind jedoch expliziter, denn sie deklarieren das Auge zur Leuchte des Körpers und in Analogie dazu, den bösen Blick zur bösen Leuchte, die nicht erhellt, sondern verdunkelt (Lukas XI, 33-36; Matthäus VI 22-23).

Gemäß der Emissionstheorie wird der Blick als eine Flüssigkeit oder als eine Ansammlung von Partikeln gesehen, die fähig ist, Wesen oder Objekte zu berühren und zu beeinflussen. Der Gelehrte Plutarch (46-125 n. Chr.) argumentiert wie folgt: „Die Emissionen böser Wesen sind nicht frei von Gefühlen und Berechnungen [...]. Ganz im Gegenteil, sie sind aufgeladen mit der Boshaftigkeit und des Neid des Wesens von dem sie ausgehen. Auf diese Weise prägen und durchdringen diese Gefühle ihr Opfer und setzen sich in ihm fest. Sie verwirren und korrumpieren sowohl seinen Körper als auch seine Seele“ (Plutarch Symp.: 625 C - 626 E). Der als Vater der modernen Wissenschaft betrachtete Geometriker Euklid glaubte an die Existenz eines visuellen Strahls, der wie ein Pfeil auf sein Ziel zuschnellt. Er erklärt die Ausstrahlungskraft des Auges mit dessen Beschaffenheit: „Da die Elemente, die den Sehnerv erregen von außen kommen, müsste das Auge konkav sein, um ihren Empfang gewährleisten zu können. Dies ist jedoch nicht der Fall. Im Gegensatz zu den Organen die für Gehör, Geschmack und Geruch zuständig sind, ist das Auge konvex und nicht fähig, externe Elemente aufzunehmen.“ Das Auge jedoch projiziert sich nach außen und verübt aus der Distanz eine Macht auf andere Objekte.

 

Simila similibus cognoscuntur  

Das zentrale Argument der Blick-Theorien ist die von Gelehrten wie Platon, Euklid, Plotin oder Ptolemäus verteidigte These, dass das Licht regelrecht „sehen kann“, sprich: das Sichtbare ist gleichzeitig auch sehend. Diese Auffassung leitet sich von der Idee ab, dass nur „Gleiches im Stande ist, Gleiches zu erkennen“ (similia similibus cognoscuntur). Licht und Sehsinn haben nicht nur denselben Ursprung, sondern auch die gleichen Eigenschaften. Zu diesen zählt ihre gradlinige und sofortige Ausbreitung, ihr Durchdringen transparenter Stoffe sowie Abprallen an opaken Körpern. Darüberhinaus bedeutet Erkenntnis für die antiken Wissenschaftler, sich auf eine bestimmte Weise dem anzupassen, was wir kennen sollten – sprich Subjekt und Objekt des Erkenntnis sollen aufeinanderzugehen. Bis Kepler (1630) glaubte man an ein Fortbestehen des Netzhautbildes in Form einer remanenten Einfärbung des „visuellen Geistes“. Darüber hinaus gab die Assimilation der Eigenschaften von Sehsinn und Licht freien Lauf für Spekulationen über Dinge, die vom Licht emittiert werden: Sonne, Sterne, goldene Gegenstände und Spiegel – also Objekte, die den Menschen auf eine gewissen Weise beobachten. So kommt es zu einem wahrhaften Spiegelspiel zwischen Wesen und Dingen des Universums: demnach bedeutet, jemanden oder etwas anzusehen, gleichzeitig auch angesehen zu werden.

 

Der Spiegelblick

Das oben erwähnte Spiegelspiel, welches als Symbol für die Interaktion von Objekt und Subjekt steht, ermöglicht die Existenz des bösen Blicks (malocchio auf Italienisch). Caisson sensibilisiert uns für die Tatsache, dass das Auge generell mit Spiegel in Verbindung gebracht wurde. Von dieser Analogie leitet sich der französische umgangssprachliche Ausdruck „mirettes“ (wörtlich „Spiegelchen“) für „Augen“ bzw. „Glubscher“ ab. Caisson erklärt uns, wie die Struktur des Auges durch die verschiedenen Ursprünge des Wort Pupille illustriert wird: Im Lateinischen bedeutet pupilla „kleines Mädchen“ oder „Püppchen“ (unter anderem ist auch pupus „kleiner Junge“ zu finden). Das griechische Wort koré trägt dieselbe Bedeutung. Derselbe Begriff existiert auch im Hebräischen und im Sanskrit. Der spanische Ausdruck niñas de los ojos ist sehr explizit. Schon im alten Ägypten wurde die Pupille „das junge Mädchen im Auge“ genannt.

Wenn man davon ausgeht, dass die Pupille sieht, dann geschieht dies, weil sie ein Spiegel ist in dem wir uns in Kleinformat wiederspiegeln. Nach Plinius sind die Augen ein perfekter Spiegel, so dass die winzige Pupille das ganze Bild eines Menschen reflektiert (Naturalis Historia: XI, 53). Caisson argumentiert, dass viele antike Schriftsteller der Auffassung sind, dass wir uns in dem von der Pupille reflektierten Bild sehen. Auf diese Weise würde unser Auge eine Art Doppelgänger oder ein Spiegelbild der Realität beherbergen, welches sein eigenes Bewusstsein besitze.

Dies ist jedoch eine eher beunruhigende Vorstellung, die auf den antiken Mythos der Gorgone zurückgeht, die Göttin, welche die Fähigkeit besaß, Menschen mit einem einzigen Blick zu versteinern. Der Historiker Jean-Pierre Vernant erklärt den Mythos wie folgt: „Das Gesicht der Gorgô ist unser Alter Ego, der Doppelgänger unserer Selbst, das Seltsame, das Spiegelbild unseres Gesichts (es ist der Spiegel, in dem sich die Griechen nur von vorne und in Form eines einfachen Gesichtes sehen konnten). Wir werden jedoch von diesem Bild, dem Antlitz der Gorgô erfasst, da es nicht nur den Schein unseres Gesichtes wiedspiegelt und unseren Blick reflektiert, sondern durch seine Grimasse unsere erschreckende und radikale Andersartigkeit zurückstrahlt mit der wir uns identifizieren und zu Stein werden.“ Diese faszinierende und gleichzeitig erschreckende mit dem Blick verbundene Furcht erklärt den Aberglauben, der mit Spiegeln und Leuchten verbunden ist. In Sammelwerken zu volkstümlichen Glauben sind auch heute noch Ratschläge der folgenden Art zu lesen: Wenn ein Kind eine Lampe ansieht, soll man ihm das Gesicht verdecken, um ihm vor dem bösen Blick zu schützen. Ferner glaubte man, dass es auf Grund des bösen Blicks gefährlich sei, einen Säugling vor einen Spiegel zu halten.

Oeilturc

Nazar-Amulett (nazar boncuğu)

Ein türkischer Anhänger zum Schutz vor dem bösen Blick.

Böses mit Bösem heilen

Der malocchio erhält seine Kraft dadurch, dass der einseitige Blick dem beidseitigen überlegen ist. Es wird daher versucht, sich gegen diesen Blick mit einen Gegenmittel zu wehren, was häufig in der Form eines schützenden Auges geschieht. Die Sonnenbrillen der Mediterraner, sowie Siegelringe und andere glänzende Objekte, wehren den bösen Blick ab. Gleichzeitig sind sie jedoch auch selbst malocchi. Oft wird zum Schutz gegen den bösen Blick ein Auge verwendet, welches den bösen Blick wie ein Spiegel reproduziert, wenn es nicht selbst schon ein Spiegel ist. Ein böser Blick ist demnach das beste Mittel gegen den bösen Blick. In Griechenland und der Türkei wird ein blaues Auge, in Form einer blauen Perle als Gegenmittel eingesetzt. In der türkischen Tradition finden wir sozusagen ein „Gegenauge“, welches der Wärme des „visuellen Strahls“ von Euklid gleicht: ein Amulett gegen den bösen Blick. Es besteht aus einem blauen Wollknäul, in dem ein Stück Alaun versteckt ist. Man glaubt, dass der Alaun unter dem Einfluss des bösen Blickes schmelzen würde und so das Kind, welches das Amulett trägt beschütze. Auf diese Weise fungiert der Alaun gleichzeitig als Schutz- und Abwehrmittel.

 

Wissenschaft und Glaube    

Nach der Betrachtung verschiedener populärwissenschaftlicher Theorien zum bösen Blick erscheint die Verbindung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Glauben enger als vermutet. Die zahlreichen Abhandlungen die sich mit dem malocchio befassen bezeugen, dass es nur dort Glauben gibt, wo Wissenschaft herrscht. Dieser Glaube ist selbstverständlich nicht mit der Gewissheit des kartesischen Wissens gleichzusetzen und entspricht nicht den Normen der modernen Wissenschaft. Rational oder nicht, die Thematik ist nichtsdestotrotz ein ernst zu nehmender wissenschaftlicher Gegenstand.

 

Quelle des vorliegenden Artikels:

Max Caisson, „La science du mauvais œuil (malocchio)“, http://terrain.revues.org/3304.

Außer im Falle besonderer Angaben sind die Illustrationen Wikimedia entnommen.

 

Café Europa dankt Stephanie Schwerter herzlich für ihre Überstezung.


 

 

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